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Wie funktioniert „Fine Dining" in Lockdown-Zeiten?

Neues aus der Gastro-Szene in HannoverNeues aus der Gastro-Szene in Hannover

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
sich abends eine Pizza vom Italiener um die Ecke zu holen, ist kein Kunststück. Was aber, wenn man sich mit einem üppigen Menü nebst Weinbegleitung verwöhnen möchte? Auch das geht in Lockdown-Zeiten: Viele „Fine Dining“-Restaurants in Hannover vertreiben ihre Kost per Take-away. Darunter die „Weinbasis“ in der Oststadt und das relativ neue Lokal „The Wild Duck“ an der Podbielskistraße 167.
Hier fusioniert Viet Anh Nguyen asiatische mit französischer Küche. Der 33-Jährige wuchs in Vietnam auf, lernte das Kochhandwerk in der französisch akzentuierten Küche des Dresdner Schlosshotels Pillnitz. „Ich träume seit zehn Jahren davon, das Beste der beiden Küchen zu kombinieren“, sagt Nguyen, der das Lokal an der Podbi im Januar 2020 übernahm und aufwendig renovierte. Als er öffnen wollte, kam Corona und die große Schließung. Also bietet er Barberie-Entenbrust mit Urmöhren und Speckwirsing (18,90 Euro) und Tacos mit gebackener Avocado, Limetten-Tomatensalat und Koriander (3,80 Euro) fix und fertig zum Abholen an. Die Stammgäste, die er sich in der kurzen Öffnungsphase erarbeiten konnte, halten ihm die Treue. „Wir müssen Ausdauer haben“, sagt er.
Dennis Thies von der „Weinbasis“ an der Lärchenstraße 2 traut seinen Gourmet-Gästen das Finish seiner Drei- bis Fünf-Gänge-Menüs (45 bis 65 Euro) in der heimischen Küche zu. „Wir garen das Fleisch vor, das muss dann nur noch kurz in die Pfanne.“ Damit alles gelingt, legt der Küchenchef eine Step-by-Step-Anleitung bei. „Aber wenn etwas unklar ist, kann man uns auch anrufen.“ Stammgäste und Nachbarn nutzen das Angebot gerne, mancher kommt extra aus der Wedemark in die Oststadt. „Die Leute wollen sich in harten Zeiten was gönnen“, sagt Thies. Aber auch: „Das Geschäft reicht nicht zum Leben, nur zum Überleben.“
Die „Weinbasis“ über Wasser zu halten: Dabei hilft ihm seit neustem Martina Glauberstein. Die Sommeliere ist neue Geschäftsführerin und für den Service zuständig, Thies kann sich auf seine Kochkunst konzentrieren. Die 32-jährige Restaurantfachfrau, die für Johann Lafer und im Berliner Adlon Kempinski arbeitete, wählt die begleitenden Weine zu den Menüs aus. „Wir bieten sie in 0,1-Liter-Fläschchen an – ich bin erstaunt, wie gut das angenommen wird.“
Wirtin aus Bordenau gibt (noch) nicht auf

Hausmannskost statt „Fine Dining“ – das ist das Konzept von Wirtin Doris Kartal, die das „Sporthaus Bordenau“ betreibt und am Wochenende Brathähnchen oder Kohlrouladen per Bringdienst und Abholung anbietet. Nachdem das eine Weile gut gelaufen war, kam im Februar der Einbruch. „Ich konnte nicht mehr“, sagt die 53-Jährige, „die Rechnungen kamen, aber die Einnahmen reichten nicht aus.“ Als sie die Schließung ankündigte, machten die Dorfbewohner im Neustädter Land mobil, starteten Aufrufe in sozialen Netzwerken. „Bordenau lebt“, sagt Kartal. Und macht weiter. (Die ganze Geschichte lesen Sie hier.)
Institution „Rackebrandt“ schließt nach 95 Jahren

Er hört auf: Horst Donner schließt die „Schank- und Speisewirtschaft Rackebrandt“ in Linden. 95 Jahre war das Lokal mit Kegelbahnen und Festsälen eine Institution - und Anlaufstelle für Kartenspieler, Vereine und Chöre. Zwei Jahre lang hatte Donner vergeblich nach einem Nachfolger gesucht. Nach dem zweiten Lockdown wird er nicht wieder öffnen, wie mein Kollege André Pichiri erfuhr. Nicht nur in der Grünkohl-Saison werden wir die Wirtschaft, in der irgendwann in den 1960er Jahren die Zeit stehen geblieben war, vermissen.
Ob Barberie-Entenbrust oder Kohlroulade, ob Edel-Restaurant oder Dorfkneipe. Ohne unsere Unterstützung werden es viele Gastronomien nicht schaffen. Alle sind erschöpft, viele warten noch immer auf die staatlichen Gelder - und verdienen es umso mehr, dass wir weiter zu ihnen halten. Und sei es nur, indem wir beim Italiener um die Ecke eine Pizza ordern.
Schreiben Sie uns gerne, welche Aktionen Ihre Lieblingsgastronomen anbieten (gastro@neuepresse.de).
Bleiben Sie munter! Und vor allem gesund.
Bis nächsten Donnerstag!
Julia Braun
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